Hitze um Deutschlands Arzneimittelreserven: Ist die Versorgung wirklich gesichert?
Nathalie BauerHitze um Deutschlands Arzneimittelreserven: Ist die Versorgung wirklich gesichert?
Schärfe Debatte über Deutschlands Arzneimittelversorgung auf Handelsblatt-Konferenz
Die pharmazeutische Lieferkette Deutschlands stand diese Woche im Mittelpunkt einer hitzigen Diskussion auf der Handelsblatt-Konferenz. Vertreter der Industrie und der Krankenkassen gerieten über Arzneimittelreserven, globale Abhängigkeiten und Europas Fähigkeit, die eigene medizinische Versorgung zu sichern, aneinander. Die Debatten offenbarten tiefe Sorgen über die Krisenvorsorge des Landes und die künftige Ausrichtung der Gesundheitspolitik.
Tim Steimle, Leiter Pharmazie bei der Techniker Krankenkasse, eröffnete die Veranstaltung mit der Bestätigung, dass Deutschland sein Ziel erreicht habe, einen sechsmonatigen Vorrat an Medikamenten anzulegen. Doch dieser Erfolg wurde schnell infrage gestellt. Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), bezeichnete die Reserve als unzureichend und forderte, Gesundheitspolitik künftig sowohl als Industrie- als auch als Sicherheitspolitik zu begreifen. Er warnte davor, die Verwundbarkeiten Europas zu unterschätzen, und betonte, dass Investitionen in Forschung und Produktion nicht länger aufgeschoben werden dürften.
Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland, schloss sich dieser Kritik an. Die sechsmonatige Bevorratung sei "bei Weitem nicht ausreichend", so Inanc, der klarere Szenarien für die künftige Planung forderte. Zudem kritisierte er die Annahme, die Logistikresilienz sei gesichert, und plädierte für eine stärkere europäische Produktion, um die Abhängigkeit von globalen Lieferketten zu verringern.
Im weiteren Verlauf rückte die globale Handelsabhängigkeit in den Fokus. Thomas Weigold, Deutschland-Chef von Sandoz/Hexal, warnte vor der starken Abhängigkeit Europas von China bei Antibiotika und Generika. Er sprach sich für mehr Eigenständigkeit aus und kritisierte Freihandelsabkommen, die seiner Meinung nach die Resilienz im Generikabereich schwächen. Zudem verwies Weigold auf die finanzielle Belastung der Branche durch ständig neue Regularien.
Steimle hinterfragte später, ob die Globalisierung rückgängig gemacht werden solle, und räumte ein, dass pharmazeutische Lieferketten hochkomplex seien. Er verwies darauf, dass Rabattverträge zunehmend durch umfassende Versorgungsvereinbarungen ersetzt würden, und begrüßte das geplante Freihandelsabkommen mit Indien als Schritt zur Sicherung der Arzneimittelversorgung. Seine optimistische Haltung stand jedoch im Kontrast zu Weigolds Warnungen vor den Risiken solcher Abkommen.
Die Konferenz legte tiefe Gräben in der deutschen Arzneimittelstrategie offen. Zwar wurde das Ziel eines sechsmonatigen Vorrats erreicht, doch Branchenvertreter halten dies für unzureichend, um echte Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Forderungen nach mehr europäischer Produktion, weniger Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten und klareren Notfallplänen prägen nun die Debatte.






